Kalter Kaffee ist wohl das Traurigste, was eine Büroküche je hervorgebracht hat. Die Tasse von heute Morgen, acht Stunden später, vergessen neben der Maschine. Flach, bitter, tot.
Cold Brew ist das Gegenteil davon. Absicht statt Unfall.
Hier wird nichts gerettet, hier wird neu gedacht. Keine Hitze, kein Runterkühlen, kein Eiswürfel-Gepfusche. Stattdessen das, was in der Küche oft fehlt und in der Gastronomie über Erfolg entscheidet. Zeit.
12–24 Stunden Extraktion. 100 Gramm Kaffee, ein Liter kaltes Wasser. Mehr braucht es nicht. Kein Hokuspokus, keine 15k Siebträgermaschine. Nur ein Prozess, der den Bohnen erlaubt, das abzugeben, was sie wirklich können.
Das Ergebnis ist kein kalter Kaffee. Es ist ein anderer Kaffee. Weich, klar, kaum Säure, keine aggressive Bitterkeit. Dafür eine natürliche Süße und Tiefe, die man so sonst nur mit sehr sauber gebrühten Spezialitäten erreicht. Und ja, mehr Koffein als dein schneller Filter am Morgen. Aber das klären wir später.
Was ist Cold Brew Kaffee?
Cold Brew ist kalt extrahierter Kaffee. Grob gemahlenes Kaffeepulver wird in kaltes oder zimmertemperiertes Wasser gegeben und zieht dann zwischen zwölf und 24 Stunden, bevor es gefiltert wird. Keine Hitze, kein Druck, kein Dampf. Die Extraktion passiert langsam und kontrolliert.
Das Ergebnis ist chemisch anders als heiß gebrühter Kaffee. Weil Hitze die Lösung bestimmter Verbindungen beschleunigt, extrahiert heißes Wasser schnell und vollständig, auch Bitterstoffe und Säuren. Kaltes Wasser dagegen holt über die lange Ziehzeit vor allem Aromastoffe und Zucker aus der Bohne. Bis zu 70 Prozent weniger Säuren als bei normalem Filterkaffee sind die Folge. Baristas sprechen gerne von „lieblichen Aromen", und das ist keine Übertreibung.
Cold Brew ist kein Eiskaffee. Und er ist auch kein abgekühlter Kaffee. Er ist ein eigenes Getränk.
Cold Brew vs. Iced Coffee: Der Unterschied, der zählt
| Merkmal | Cold Brew | Iced Coffee |
|---|---|---|
| Zubereitung | 12–24 h kalt extrahiert | Heiß gebrüht, dann gekühlt |
| Geschmack | Mild, fruchtig, natürlich süß | Stärker, oft bitterer |
| Säuregehalt | Deutlich niedriger | Normal bis hoch |
| Koffeingehalt | Höher (ca. 72 mg/100 ml) | Normal (ca. 60 mg/100 ml) |
| Magenverträglichkeit | Besser | Schlechter |
| Haltbarkeit im Kühlschrank | Bis zu 14 Tage | 1–2 Tage |
Woher kommt Cold Brew?
Nicht aus New York, nicht aus Brooklyn, nicht aus irgendeinem Szene-Café der 2010er Jahre. Die Ursprünge des Cold Brew liegen in Japan, wo kalt aufgegossener Kaffee seit dem 17. Jahrhundert bekannt ist. Eine verbreitete Erzählung führt auch niederländische Handelsschiffer ins Feld, die im 17. Jahrhundert Kaffee mit kaltem Wasser aufgossen, weil sie keine Möglichkeit hatten, Wasser zu erhitzen. Ob das stimmt oder ob es eine gute Geschichte ist, lässt sich nicht mehr nachprüfen. Beides ist möglich.
In Japan hat sich daraus die sogenannte Kyoto-Methode entwickelt: Eiskaltes Wasser tropft über Stunden langsam durch Kaffeepulver. Eine aufwendige, fast meditative Zubereitungsart, die in spezialisierten Cafés bis heute praktiziert wird.
In der westlichen Kaffeewelt wurde Cold Brew ab den 2010er Jahren salonfähig, vor allem in den USA. Heute steht er bei fast jedem Café auf der Karte und lässt sich zuhause mit Mitteln zubereiten, die jeder Haushalt hat.
Wie viel Koffein hat Cold Brew?
Mehr als du denkst. Normaler Filterkaffee enthält etwa 60 bis 70 mg Koffein pro 100 ml. Cold Brew kommt auf rund 72 bis 73 mg pro 100 ml und das bei einer Portion, die oft deutlich größer ausfällt als eine normale Kaffeetasse.
Der Grund: Die lange Extraktionszeit löst mehr Koffein aus dem Kaffeepulver. Koffein ist wasserlöslich, und je länger Wasser mit dem Kaffeemehl in Kontakt ist, desto mehr wird herausgelöst. Hinzu kommt das höhere Mischverhältnis, für Cold Brew verwendet man typischerweise mehr Kaffeepulver auf die gleiche Wassermenge als beim Filterkaffee.
Zum Vergleich: Wer ein 250-ml-Glas Cold Brew trinkt, nimmt je nach Konzentration zwischen 180 und 200 mg Koffein zu sich. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit gilt bis zu 400 mg täglich als unbedenklich für Erwachsene. Ein Glas Cold Brew liegt also im grünen Bereich, wer allerdings zwei oder drei davon trinkt, sollte das einrechnen. Für Schwangere gilt eine Obergrenze von 200 mg pro Tag, weshalb Cold Brew hier mit Bedacht genossen werden sollte.
Das Cold Brew Grundrezept:
Für einen Liter Cold Brew braucht es 100 g grob gemahlenen Kaffee, ein Liter kaltes Wasser, ein verschließbares Gefäß und einen Kaffeefilter. Das war es.
Schritt 1: Den richtigen Mahlgrad wählen
Grob. Sehr grob. Der Mahlgrad für Cold Brew ist gröber als für Filterkaffee und noch etwas gröber als für die French Press. Eine gute Orientierung: grobe Meersalzkristalle. Wer zu fein mahlt, überextrahiert der Kaffee schon nach wenigen Stunden und schmeckt bitter. Gleichmäßige Körnung ist entscheidend, unterschiedlich große Partikel führen zu ungleichmäßiger Extraktion.
Schritt 2: Kaffeepulver und Wasser vermengen
100 g Kaffeepulver in das Gefäß geben, einen Liter kaltes Wasser dazu, einmal gut durchrühren. Das Kaffeepulver sollte vollständig bedeckt sein. Dann das Gefäß verschließen. Ein Deckel, der gut sitzt, schützt das Aroma.
Schritt 3: Ziehzeit im Kühlschrank
Mindestens zwölf Stunden, optimal sind 14 bis 16 Stunden. Wer 24 Stunden zieht, bekommt einen konzentrierteren Cold Brew mit höherem Koffeingehalt. Die Temperatur sollte zwischen 2°C und 6°C liegen. Am einfachsten: abends ansetzen, morgens fertig.
Schritt 4: Filtern
Den fertigen Cold Brew durch einen Kaffeefilter oder ein feines Sieb in ein zweites Gefäß gießen. Langsam gießen, damit der Filter nicht verrutscht. Wer einen besonders klaren Cold Brew möchte, filtert zweimal.
Schritt 5: Servieren
Pur über Eiswürfeln, mit einem Schuss Hafermilch, mit Tonic-Water (Cold Brew Tonic ist eine unterschätzte Kombination), mit Vanilleeis als Eiskaffee-Basis oder als Konzentrat für Cocktails. Die Haltbarkeit im Kühlschrank beträgt bis zu 14 Tage.
Welche Bohnen passen zu Cold Brew?
Nicht jede Bohne ist geeignet. Dunkle Espressoröstungen sind zu bitter für Cold Brew – die lange Kontaktzeit verstärkt die Röstaromatik so stark, dass das Ergebnis unangenehm schmeckt. Besser geeignet sind helle bis mittlere Röstungen, speziell für Filterkaffee geröstet. Bei diesen kommt die eigentliche Charakteristik der Bohne zur Geltung: Fruchtnoten, Süße, florale Aromen.
Arabica ist die erste Wahl. Sortenreine Äthiopien-Kaffees bringen oft beerige oder zitrusartige Noten mit, die im Cold Brew wunderbar zum Tragen kommen. Kolumbianische Arabicas sind ausgewogener, mit einer leichten Nuss-Schokoladennote. Robusta hat von Haus aus mehr Koffein, aber auch einen erdigeren, gerbstoffreicheren Charakter, der mit der langen Ziehzeit zu bitter werden kann.
Cold Brew profitiert von hellen, fruchtigen Bohnen. Wer wissen will, warum Arabica und Robusta sich so unterschiedlich verhalten und welche Bohne wirklich passt, sollte einen Blick in unser Bohnen-ABC werfen.
Empfehlung: Alessio Premio Schümli
Der Alessio Premio Schümli aus der Langzeitröstung bringt einen mild-ausgewogenen Charakter mit, der im Cold Brew besonders bekömmlich wirkt. Wer einen unkomplizierten, alltagstauglichen Cold Brew ohne Experimentierbedarf sucht, ist hier gut aufgehoben. Alessio Premio Schümli hier kaufen →
Cold Brew ohne Spezialgerät: Was brauche ich wirklich?
Nichts Teures. Ein großes Einmachglas oder eine Karaffe mit Deckel, ein normaler Kaffeefilter und ein zweites Gefäß zum Auffangen. Das reicht. Wer regelmäßig Cold Brew macht, kann sich einen Cold-Brew-Maker mit integriertem Filtersieb zulegen, er erleichtert das Abfiltern und spart Zeit. Pflicht ist er nicht.
Alternativ funktioniert auch die French Press hervorragend: Kaffeepulver und Wasser hineingeben, Deckel drauf (Stempel noch oben), zwölf Stunden in den Kühlschrank. Dann Stempel langsam nach unten drücken und in eine Karaffe umfüllen. Für einen noch klareren Cold Brew danach nochmals durch einen Papierfilter gießen.
Cold Brew Konzentrat: Für Cocktails und mehr
Wer Cold Brew als Basis für Mixgetränke oder Kaffee-Cocktails nutzen möchte, stellt ein Konzentrat her. Doppelte Kaffeemenge auf die gleiche Wassermenge: 200 g Kaffee auf einen Liter Wasser. Das Konzentrat wird dann je nach Getränk verdünnt, mit Säften gemischt oder direkt über Eis mit Gin oder Vodka serviert.
Cold Brew Tonic ist dabei eine Kombination, die mehr Leute kennen sollten: 80 ml Konzentrat, 200 ml Tonic Water, Eiswürfel. Fertig. Schmeckt nach mehr, sieht nach Bar aus, kommt aus dem eigenen Kühlschrank.
Kalorien und Nährwerte
| Variante (250 ml) | Kalorien | Koffein (ca.) | Zucker |
|---|---|---|---|
| Cold Brew pur | ca. 5 kcal | ca. 180 mg | 0 g |
| Cold Brew mit Hafermilch (50 ml) | ca. 30 kcal | ca. 180 mg | 1–2 g |
| Cold Brew Tonic (80 ml CB + 170 ml Tonic) | ca. 60 kcal | ca. 55 mg | ca. 15 g |
| Cold Brew mit Vanilleeis (1 Kugel) | ca. 130 kcal | ca. 180 mg | ca. 15 g |
Warum Cold Brew sich wirklich lohnt
Wer Cold Brew einmal selbst gemacht hat, kauft ihn danach nicht mehr in der Flasche. Nicht wegen der Kosten (obwohl das auch ein Argument ist), sondern wegen des Ergebnisses. Mit einem guten Arabica und etwas Geduld bekommt man einen Kaffee, der fruchtig, rund und natürlich süß ist – ohne Zucker, ohne Zuckersyrup, ohne aufgeschäumte Milch als Ablenkungsmanöver.
Der Aufwand? Zehn Minuten aktiv, zwölf Stunden warten. Wer abends ansetzt, hat morgens fertig. Das ist kein Aufwand. Das ist Planung.
Cold Brew ist nur eine kalte Variante. Wer's italienischer mag und nicht zwölf Stunden warten will: der Shakerato ist Espresso, Eis, Shaker, fertig in 30 Sekunden.
Häufige Fragen zu Cold Brew
Wie lange muss Cold Brew ziehen?
Mindestens zwölf Stunden, optimal sind 14 bis 16 Stunden bei einer Kühlschranktemperatur zwischen 2°C und 6°C. Nach 24 Stunden wird der Cold Brew intensiver und koffeinstärker, kann aber auch etwas bitterer werden – abhängig von der Bohne und dem Mahlgrad.
Kann ich Cold Brew auch bei Zimmertemperatur ziehen lassen?
Ja, aber dann sollte die Ziehzeit auf acht bis zwölf Stunden verkürzt werden, da die höhere Temperatur die Extraktion beschleunigt. Für hygienische Sicherheit empfiehlt sich trotzdem der Kühlschrank, besonders bei längeren Ziehzeiten.
Wie lange hält sich Cold Brew im Kühlschrank?
Bis zu 14 Tage. Da der Cold Brew ohne Hitze hergestellt wird, enthält er von Haus aus weniger oxidierte Verbindungen als heiß gebrühter Kaffee. Trotzdem empfehlen Experten, ihn innerhalb von ein bis zwei Wochen zu konsumieren, damit die Aromen frisch bleiben.
Welcher Mahlgrad ist ideal für Cold Brew?
Sehr grob, vergleichbar mit groben Meersalzkristallen. Feiner Mahlgrad führt zu Überextraktion und damit zu Bitterkeit. Zu grob kann das Ergebnis wässrig werden. Die richtige Körnung liegt etwas gröber als bei der French-Press-Zubereitung.
Grobe Mahlung ist Pflicht, sonst wird's bitter. Was den Mahlgrad bei jeder Methode anders macht, erklärt unser Mahlgrad-Artikel.
Ist Cold Brew magenschonender als normaler Kaffee?
Ja. Da bei der Kaltextraktion deutlich weniger Säuren und Bitterstoffe aus dem Kaffeepulver gelöst werden als beim heißen Brühen, ist Cold Brew magenfreundlicher. Wer empfindlich auf Kaffee reagiert, verträgt Cold Brew in der Regel deutlich besser.
Kann ich gemahlenen Kaffee für Cold Brew verwenden?
Ja – wenn der Mahlgrad grob genug ist. Vorgemahlenem Kaffee aus dem Supermarkt fehlt oft der passende Mahlgrad für Cold Brew, da er für Filterkaffeemaschinen gemahlen ist und damit zu fein. Wer keine Mühle hat, kann beim Kauf nach grobem Mahlgrad fragen. Besser ist immer frisch gemahlener Kaffee aus ganzen Bohnen – die Aromen halten sich länger und entfalten sich im Cold Brew vollständiger.
Weitere Artikel










